Ludwig Salvator

ERZHERZOG LUDWIG SALVATOR Der Prinz des Mittelmeeres

LUDWIG - SALVATOR - GESELLSCHAFT

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„Während meines Aufenthaltes auf Helgoland fuhr ich gerne mit den Fischern aufs Meer hinaus; die Gesellschaft jener einfachen Menschen ist einem viel angenehmer, ich möchte sagen auch lehrreicher, als die mancher Gebildeten.“

ÜBERBLICK
Stromboli - Lithografie nach Zeichnung LS

KurzBiographie

Er war der Ahnvater moderner Aussteiger, Reisender, Seemann, Wissenschaftler, Schriftsteller, Künstler, Quer- und Vordenker, Visionär, Pazifist, Traditionalist, Naturschützer, Liebender und einer der interessantesten und unkonventionellsten Sprosse des Hauses Habsburg: Erzherzog Ludwig Salvator alias „Luigi“.

Deutliche, wiewohl diplomatisch verbrämte Missbilligung sprach aus dem Telegramm des Grafen Crenneville, das am 8. November 1900, nach dem Einlaufen der Dampfsegeljacht Nixe in den Hafen von Korfu, den Grafen Gotuchowski in Wien erreichte: „Seine K.u.K. Hoheit bewahrte während seines Aufenthaltes in Corfu das strengste Incognito, welches auch von den Lokalbehörden respectirt wurde und beehrte nur meine Frau mit Höchstseinem Besuche. Nicht unterlassen kann ich zu berichten, dass die aus zwei Damen, einem jungen Mädchen und einer jugendlichen Persönlichkeit, deren Geschlecht trotz männlicher Kleidung zu Tage tretenden weiblichen Formen und wallendem Haupthaare nicht gut definirbar erschien, bestehende Reisegesellschaft Sr. K.u.K. Hoheit bei ihren Spaziergängen in der Stadt nicht unbedeutendes Aufsehen erregte.“ Kaiser Franz Joseph hatte es zu diesen Zeitpunkt bereits aufgegeben, sich das schüttere Haar über den exzentrischen Lebenswandel seines Cousins „Luigi“ zu raufen. Doch obwohl er sein ganz und gar unsoldatisches Erscheinungsbild missbilligte, schätzte er das toskanische Familienmitglied überaus ob seiner menschlichen und intellektuellen Qualität.


 

Sehnsucht nach dem Meer
Ludwig Salvator wurde am 4. August 1847 als Sohn des regierenden Großherzogs der Toskana, Leopold II., und dessen bourbonischer Gemahlin Maria Antonia von Neapel-Sizilien geboren. Als Spross des toskanischen Zweiges des Hauses Habsburg-Lothringen genoss er eine relativ liberale Erziehung, die besonders seine angeborenen Neigungen berücksichtigte. Gefragt waren Bescheidenheit, Fleiß und Geist, kurzum Tugenden, die sein weiteres Leben entscheidend prägen sollten. Statt mit höfischer Etikette beschäftigte sich der junge Erzherzog lieber mit dem Studium der Natur, von Sprachen und seinem Schimpansen „Gorilla“. Als die Familie 1859 aufgrund der revolutionären Entwicklung Florenz überstürzt verlassen musste und sich letztlich auf Schloss Brandeis bei Prag niederließ, sah es zunächst so aus, als ob der bildungshungrige Ludwig auf höhere politische Weihen vorbereitet werden sollte. Doch bald erkannte der aufgeweckte junge Mann, dass er nicht zu einer Beamtenlaufbahn oder Militärkarriere berufen war. Er wollte sein bereits beträchtliches naturwissenschaftliches Wissen durch ein für Mitglieder der kaiserlichen Familie völlig ungewöhnliches Universitätsstudium erweitern und danach wissenschaftlich tätig sein. Zahlreiche Studienreisen in seiner Jugend hatten in ihm die Sehnsucht nach dem Meer und südlichen Gestaden erweckt. Also „beurlaubte“ ihn der Kaiser, und 1867 begab sich der Erzherzog erstmals unter dem Pseudonym „Ludwig Graf Neudorf“ zwecks Vornahme naturwissenschaftlicher Studien auf die Reise zu den Balearischen Inseln. Die wilde Schönheit der Hauptinsel Mallorca und die Liebenswürdigkeit ihrer Bewohner beeindruckten ihn so sehr, dass er bereits einige Jahre später dieses Eiland zu seiner Wahlheimat erkor. Zur Optimierung seiner Reise- und Studientätigkeit ließ er die 51 Meter lange Dampfsegelyacht „Nixe“ bauen, die – wie er selbst befand – fürderhin sein eigentliches Zuhause war. „Der Wandertrieb ist dem Menschen angeboren. Nur die so genannte Zivilisation, die vielen Pflichten, die sich der Mensch auferlegt, brachten ihn zum sesshaften Leben und auf keine Weise kann man diesem natürlichen Instinkt so nachgehen, wie mit Hilfe der Jacht. Man kann die eigene Arbeit, sei sie literarischer, sei sie künstlerischer, sei sie wissenschaftlicher Art, an Bord haben, mit allen hierzu erforderlichen Hilfsmitteln sich derselben tätigst widmen und dabei doch von Zeit zu Zeit das Auge mit neuen Bildern ergötzen, ich möchte sagen zugleich auch den Geist damit erfrischen. Durch neue Spaziergänge, durch neue Ausfahrten wird ein Mittel zum Ausruhen während der Arbeit geschaffen, was man bei einem festen Wohnsitz vergeblich suchen würde.“


 

Auf Entdeckungsfahrt
Mit der geliebten „Nixe“ bereiste der Erzherzog jahrzehntelang das Mittelmeer, meist in Begleitung einer Entourage von etwa 20 Personen, weiters Hunden, Katzen, Vögeln, Affen und allerlei anderem Getier, sodass Zeitgenossen das Schiff gelegentlich als „Arche Noah“ bezeichneten. Verständlicherweise erregte die bunt zusammengewürfelte Reisegesellschaft des Erzherzog in den Häfen stets großes Aufsehen. Neben der Schifffahrt galt sein besonderes Interesse der wissenschaftlichen Erforschung vielfach unbeachteter Inseln und Küstenstriche. Zu diesem Zweck hatte er einen etwa 100 Seiten umfassenden Fragebogen mit der Bezeichnung „Tabulae Ludovicianae“ geschaffen, den er bei der Ankunft im jeweiligen Zielgebiet gebildeten ortsansässigen Personen, etwa dem Bürgermeister, Arzt, Lehrer, Richter, Pfarrer und Bibliothekar, mit der Bitte übergab, möglichst viele und genaue Daten über verschiedene Wissensgebiete zu sammeln, die er danach sorgfältig auswertete. Zusätzlich begab sich Ludwig Salvator meist in Begleitung seines mallorquinischen Sekretärs Antonio Vives und ortskundiger Führer auf ausgedehnte Wanderungen, wobei er die Landschaft, Flora, Fauna, Bevölkerung und Kultur seiner Aufenthaltsorte in allen Details beschrieb. Mit dabei hatte er stets ein kleines Tuschefässchen in der Form eines Globus, Feder und Papier. Auf diese Art entstand eine Fülle von meisterhaften Zeichnungen, die seine Beschreibungen ergänzten. Aus all diesen Daten stellte Ludwig Salvator umfangreiche handschriftliche Manuskripte zusammen, die er auf eigene Kosten zumeist beim Prager Verleger Heinrich Mercy in Form aufwendigst gestalteter Bücher drucken ließ. Meist nur in einer Auflage von 100 Stück gefertigt, verschenkte der Erzherzog diese bibliophilen Raritäten sodann an Freunde, Mitarbeiter und sonstige an seiner Arbeit interessierte Personen und Institutionen. Durch den bekannten Würzburger Reiseverleger Leo Woerl gelangten einige seiner Arbeiten auch mit größeren Auflagen in den Buchhandel. Luigis wissenschaftlichen Werke fanden rasch internationale Anerkennung, seine Arbeiten wurden in der Presse rezensiert und er wurde mit höchsten Auszeichnungen und Ehrenmitgliedschaften diverser Akademien und Institutionen überhäuft.

Seinem Freund Jules Verne, der ihn bereits im Abenteuerroman „Clovis Dardentor“ verewigt hatte, diente er vermutlich auch als Inspirationsquelle für die Figur des „Dr. Antekirrt“ im Roman „Matthias Sandorf“. Dem „größten Chronisten des Mittelmeeres“ war es ein großes Anliegen, das Interesse der Öffentlichkeit für Landschaften zu wecken, die, wie er fand, zu Unrecht wenig bekannt waren und kaum bereist wurden. Seine Aufmerksamkeit galt weniger den klassischen Kulturzentren, sondern kleinen, unentdeckten Regionen, etwa den Inseln Paxos und Antipaxos, Ithaka, Levkas und Zante (Zakynthos) im Ionischen Meer sowie den Liparischen Inseln im Norden Siziliens, den kleinen Inseln Giglio, Ustica und Alboran und insbesondere den damals, man kann’s sich heute kaum noch vorstellen, weitgehend unbekannten balearischen Inseln Mallorca, Menorca, Eivissa (Ibiza) und Formentera. Bereits im Jahr 1869 erschien der erste, Kaiser Franz Joseph gewidmete Band seines aus sieben Einzel- und zwei Doppelbänden bestehenden, etwa 6000 Seiten umfassendenMonumentalwerkes „Die Balearen. In Wort und Bild geschildert“, für deren erste beide Bände er auf der Pariser Weltausstellung 1878 sogar die Goldmedaille erhielt. Vom winzigsten Käfer und von sonstigem Getier, allen Pflanzenarten über Meteorologie, Geschichte,  Architektur, Landschaftsbeschreibungen bis hin zur detailreichen ethnologischen Beschreibung der Bevölkerung, ihrer Gebräuche, Lieder und Gedichte, ist in dieser berühmten und bis zum heutigen Tag in ihrer Vielfalt unerreichten Monografie nahezu alles dargestellt.


 

Friedliche Völkerverständigung
Doch nicht nur das Mittelmeer faszinierte den „vom Dämon des Wandertriebes“ getriebenen Erzherzog. Besonders angetan hatte es ihm der Fortschritt der Technik, der in den großen Weltausstellungen der damaligen Zeit dargestellt wurde. Im Jahr 1881 entschloss er sich, die Weltausstellung in Melbourne, Australien, zu besuchen. Den überzeugten Pazifisten begeisterte die seiner Ansicht nach friedensfördernde Wirkung derartigerer Großereignisse. In seinem 1911 – also drei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges – erschienenen Büchlein „Einiges über Weltausstellungen“ schrieb er: „Wie viele vorgefasste Meinungen, wie viele Vorurteile werden beim Kennen eines anderen Volkes, beim Leben in seinem Lande abgestreift. Ich behaupte, dass wenn sich die einzelnen Völker besser kennten, sie sich auch nicht anfeinden würden.“ Auch brachte er visionäre Gedanken für die Gestaltung der Weltausstellungsplätze ein, wie etwa die Forderung nach einer behindertengerechten Infrastruktur („Rollstuhleignung“). 

Eine besondere Seelenverwandtschaft verband den prinzlichen Vagabunden mit Kaiserin Elisabeth („Sisi“), die den hochgebildeten und exzentrischen Erzherzog äußerst schätzte. Sie besuchte ihn auch zweimal mit ihrer Jacht Miramar auf Mallorca. Besonderes Getuschel am Wiener Hof erregte ihre Abwesenheit vor und nach dem Jahreswechsel 1891/1892, rund um ihren 55. Geburtstag, welche Zeit sie statt mit ihrem asketischen Mann mit dem wohlbeleibten Cousin verbrachte. „Ich hoffe, dass der dicke Luigi für Dein Wohlergehen sorgt“, telegraphierte der besorgte Kaisergemahl leicht indigniert.

Der Erzherzog hatte sich auf Mallorca ein regelrechtes Paradies geschaffen und im Laufe von 30 Jahren sukzessive einen ganzen Küstenstrich, 16 Kilometer lang und bis zu 10 Kilometer tief, zwischen den Orten Valldemossa und Deià erworben. Sein erklärtes Ziel bestand nebst naturschützerischen Tendenzen darin, das Territorium der mittelalterlichen Klosteranlage des Franziskaner-Mönchs und Philosophen Ramon Llull wieder zu vereinen, um dort den „alten Kult“ wieder auferstehen zu lassen. Auf diesem großzügigen Gelände durfte kein einziger Baum gefällt, kein Haus errichtet werden, und alle Tiere, die nicht zu Nahrungszwecken gehalten wurden, konnten hier bis zu ihrem natürlichen Tode ein ungestörtes Leben genießen. Für die Touristen jener Tage, die diesen einzigartigen Küstenstrich erleben wollten, ließ Ludwig Salvator eigens die Hospederia „Ca Madó Pilla“ einrichten, ein Gästehaus, in dem Reisende drei Tage gratis Logis erhielten. Lediglich der „Mundproviant“ war mitzubringen. Weiters legte er ein rund 12 Kilometer langes Wegenetz bis in die atemberaubend schönen Berge der „Serra de Tramuntana“ an, das sich noch heute einfühlsam in die Landschaft schmiegt. An den schönsten Aussichtspunkten ließ er so genannte „Miradores“ errichten, kleine ummauerte Plätze mit Sitzbänken, von denen aus man die Schönheit der Küste und den Sonnenuntergang bewundern konnte.


 

Kleider machen keine Leute.
Auf Mallorca ranken sich unzählige Legenden und Histörchen um den noch in heutiger Zeit hochverehrten „Archiduque“, den ungekrönten König der Balearen. Ludwig Salvators besonderes Markenzeichen war seine äußerst nachlässige Kleidung. Er bewegte sich lieber in der Gesellschaft einfacher Menschen, „von denen man oft mehr lernen könne, als von so manchem Gelehrten“, und legte auf sein Äußeres keinen besonderen Wert. Er trug abgewetzte Marine-Gehröcke oder einfachste Gewänder, hatte oft die Manschetten mit Spagat zusammengebunden und wurde gelegentlich, auch zu seiner eigenen Belustigung, für einen Schweinehirten, Matrosen, Koch oder Landarbeiter gehalten. Einmal erhielt er von einem mallorquinischen Bauern, dem er half, einen festgefahrenen Karren aus dem Morast zu ziehen, eine Münze spendiert. „Mein erstes selbst verdientes Geld“, wie er später voller Stolz erzählte. Am Wiener Hof galt er als gelehrter Sonderling und verkappter Kommunist, und man amüsierte sich sehr über seine einzige Uniform, die mit den Jahren aus allen Nähten platzte. Auf das Gespött ob seines Knitter-Looks meinte der Erzherzog jedoch gelassen: „Lieber vielfältig als einfältig!“

Viele Geschichten beschäftigen sich auch mit dem ungewöhnlichen Liebesleben des Erzherzogs, der, niemals verheiratet, den Reizen beider Geschlechter und insbesondere der Schönheit der Mallorquinerinnen rettungslos erlegen war. Einen besonderen Stellenwert in diesem amourösen Kaleidoskop nimmt die Tischlerstochter Catalina Homar ein, die unter den Fittichen ihres Mentors eine exzellente Ausbildung genoss, mehrere Sprachen erlernte und zur Verwalterin seines Weinguts „S´Estaca“ avancierte. Zentrum ihres Lebens war ein von Ludwig Salvator nach einem Vorbild auf den Liparischen Inseln selbst geplante kleines Landhaus. Auf den angrenzenden Ländereien reiften unter anderem auch Malvasier-Trauben, für deren Weine der Erzherzog und seine Winzerin eine Vielzahl von Preisen bei internationalen Ausstellungen, sogar in Amerika, einheimsten. Heute befindet sich das Haus im Eigentum von Hollywood-Star Michael Douglas (und dessen Ex-Gattin Diandra), der ein großer Fan des „Archiduque“ ist und in Valldemossa das Infozentrum „Costa Nord“ initiierte. 

Als im Jahr 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, neigte sich ein langes, intensives und schaffensreiches Leben voller Unangepasstheit, Freiheit und Liebe dem Ende zu. Auf allerhöchsten kaiserlichen Befehl musste Ludwig Salvator auf sein ererbtes Schloss Brandeis bei Prag zurückkehren. Während der Krieg tobte und unfassbares Leid und Greuel über die involvierten Völker brachte, gab der bereits sehr kranke Erzherzog – wie aus stillem Protest – sein zu Lebzeiten letztes, anrührendes Werk „Zärtlichkeitsausdrücke und Koseworte in der friulanischen Sprache“ heraus („Magari un pagnut in dìe vuarê-si ben, benedete!“ – „Ein Stück Brot täglich ist auch genug, wenn man nur einander liebt, mein Schatz!“).

Am 12. Oktober 1915 starb Ludwig Salvator in Brandeis. Anstatt auf seinem über alles geliebten Landgut Miramar, „wo die Sonne mit ihrem goldenen Licht seinen Grabhügel überflutet“ hätte, ruht der „Diogenes aus fürstlichem Geschlecht“, wie der spanische Dichter Unamuno ihn einmal genannt hatte, nun eingemauert in einer Nische der Kapuzinergruft in Wien.

(Wiedergabe eines 2002 von Dr. Wolfgang Löhnert für das öst. Reisemagazin verfassten Artikels)