Ludwig Salvator

ERZHERZOG LUDWIG SALVATOR Der Prinz des Mittelmeeres

LUDWIG - SALVATOR - GESELLSCHAFT

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Die Insel Giglio

Druck und Verlag: Heinrich Mercy Sohn, Prag
Erschienen:            1900
Quart, VI, 127 Seiten, 1 gefalt. farblithogr. Karte, 18 zinkograf. Taf. u. 8 ganzs. Holzschn.

Monografie der toskanischen Insel Giglio im Tyrrhenischen Meer, 15 km westlich der Halbinsel Monte Argentario bei Orbetello.

BUCHBESPRECHUNG IN DER ZEITSCHRIFT „DER BAUTECHNIKER“  vom 27.7.1900.  „Wenn unter den einlaufenden Büchern ein künstlerisch ausgestatteter Prachtband sich befindet, auf dem der Autor nicht genannt und die Buchhandlung keinen Preis angibt, so ist es stets ein erfreulicher Beweis, dass neuerdings Erzh. Ludwig Salvator ein neues Werk herausge­geben hat. Auch die vorliegende Monographie der Insel Giglio zeigt alle jene schönen Seiten des bereits in Fachkreisen bestbekannten Autors; mit Liebe versenkt er sich in den Gegenstand und beleuchtet denselben von allen Seiten eingehend. Das vorliegende Prachtwerk ist mit 19 Tafeln geschmückt, hat über­ dies 6 Holzschnitte im Texte und eine ganz vortreffliche Karte, welche ein klares deutliches Bild der ganzen Insel bietet. .Mit welcher Begeisterung der fürstliche Autor an die Beschreibung der Insel geht, zeigt folgender Satz, mit welchem das Vorwort beginnt: „Rebenumrangt, meerumrauscht, windumfächelt, erhebt sich Giglio ein Granitfelsen im Tyrrhenischen Meere, die lieblichste unter den anmutbigen In­seln des albanischen Archipels“. Der Autor bespricht sodann die Grösse, die Lage, das Klima der Insel und die Bodenbeschaffenheit derselben. Für die Schilderung der geo­logischen Verhältnisse hat Erzh. Ludwig Salvator den vorzüglichen Geologen Prot. Carlo De Stefan! in Florenz gewonnen, dessen Darstellung auf 14 Seiten wiedergeben und durch zwei hübsche Bilder erläutert wird. Die Flora der Insel hat Dr. .Stefano S o m m i e r aus Florenz eingehend studiert und dessen Studienergeb-nissen sind 4 Seiten gewidmet. Der Fauna hat Senator Doria seine Studien gewidmet und auch von diesem gibt das Werk einen kurzen Auszug. Hieran schliesst sich die eigent­liche gediegene Arbeit des Herrn Verfassers, welcher sich zunächst mit den Bewohnern der Insel befasst. Als Grundlage dienen ihm die Aufzeichnungen vom Jahre 1745, welche die Zahl der Bewohner mit 859 Seelen angibt, er schliesst mit der derzeitigen Bevölkerung, welche sich mit 5306 beziffert, deren Stastutsverhältnisse werden genau angegeben. Auch die Zahl der Ehen und der Geburten und Sterbefäile werden genau verzeichnet und hervorgehoben, dass mit Rücksicht auf das sehr günstige Klima auf der Insel die durchschnitt­liche Lebensdauer eine sehr lange ist; auf der Insel gibt es viele, die das 80. Lebensjahr überschritten und sich trotzdem noch einer ausserordent­lichen Rüstigkeit erfreuen. Fast alle Bewohner der Insel haben irgend einen Besitz, reiche Leute nach allgemeinen Begriffen gibt es auf der Insel nicht; dagegen aber be­trägt die Zahl der ganz unbemittelten nur 15. Die Bevölkerung der Insel, namentlich jene des Castells widmet sich zumeist der Feldarbeit, jene des Porto suchen ihren Lebensunterhalt durch Fischfang zu gewinnen. Die Auswanderung nach Amerika nimmt mit jedem Jahre zu und wenn die Leute die erforderlichen Geldmittel zur Verfügung hätten würden bald alle Männer answandern. Der Charakter der Einwohner wird als milde und schüchtern geschil­dert, die Einwohner sind arbeitssam, hätten auch Anlagen zum Studium, zurMusik, aber den meisten fehlt es leider an Mitteln sich auszubiiden. Von den Erwachsenen sind die weitaus überwiegenden Analphabeten, nur 518 Männer und 388 Frauen sind des Lesens und des Schreibens kundig, blos des Lesens 9 Männer und 5 Frauen, dagegen können 791 Männer und 746 Frauen weder schreiben noch lesen, sind daher Analphabeten. Die Bevölkerung ist durchwegs katholisch und ausser den kirchlich gebotenen Festtagen werden auf der Insel noch viele andere sogenannte Privatfeste gehalten. Es gibt Familien, die ans eigenem Antriebe das Fest des heiligen Blasius feiern, andere verehren wieder San Antonio Abate, viele die Sta. Lucia, Sta. Catorina, St. Ambrosio u. s. w. Auf der Insel werden folgende Processionen abgehalten, am Tage des todten Heilands (Charfreitag, Cristo morto), am Feste des heiligen Marens, am Tage der Auffindung des wahren Kreuzes, an den Bittagen (Rogazioni), am Frohnleichnamsfeste (Corpus Domini) mit Octave, am Vorabende (Vigilia) des Himmeltabrtstestes Mariä (Assunzione) mit Octave, am 15. Septem­ber als dem Tage des Protectors dpr Insel, des heiligen .Mamilianus und am 18. November, dem Feste des sog. San Mamiliano dei Turchi. Alle diese Processionen werden mit grosser Feierlichkeit abgehalten, wobei sich der Zug um die ganze Ortschaft bewegt und auch durch das Thor hinauszieht. Aber ausser an den vorerwähnten Tagen findet jeden dritten Sonntag im Monate eine Procession mit dem Allerheiligsten statt, bei welcher jedoch der Zug blos aus einem Thore der Kirche heraustritt und durch das andere einzieht. Der Verfasser schildert hierauf den Menschenschlag der Inselbewohner, den er als einen prächtigen darstellt, ferner die Tracht der Frauen und Männer. Die Insel besitzt nur 2 Ortschaften, Giglio Marina und Giglio Ca­stelia; die Häuser sind roh gemauert und mit Ziegel bedacht, das Innere ärmlich. Jedes Haus besitzt ausser der Familienwohnung einen Raum für das Viehfutter und Holzvorrath, einen kleinen Stall für den Esel und einen Keller, in dem die bescheidenen Vorräthe von Wein und Hülsenfrüchten aufbewahrt werden. Die Gassen haben keinen Namen, es fehlen selbst die Nummern auf den Häusern. Die Hauptnahrung bildet zur Winterszeit fast ausschliesslich die sog. Minestroni, eine aus Fisolen, Erbsen und Linsen bestehende Suppe, im Sommer Minestre, Suppe mit Kohl, frischen Fisolen und Erbsen; Fleisch kommt nur bei den Wohlhabenderen auf den Tisch. Vom 15. Juli bis 15. September wird im Meere gebadet und kommen auch um diese Zeit Fremde auf die Insel, namentlich Maremmaner und selbst auch Familien aus Rom und Florenz. Eingehend werden die bescheidenen Vergnügungen, die Spiele ge­schildert und die charakteristische Art und Weise, wie die Ehen geschlossen werden. .Erreicht auf Giglio ein junger Mann 18 oder mehr Jahre, so nähert er sich einem Mädchen, wie man hier zu sagen pflegt, domanda amore; wenn das Mädchen ihm seine Zuneigung schenkt und auch die Eltern keine Einwendungen machen, wiederholt der junge Mann jeden Abend seinen Besuch. Nach Verlauf eines Monats schenkt der Liebhaber dem Mäd­chen einen Ring. Wenn der junge Mann, wie es gewöhnlich der Fall ist, in die Fremde zieht, setzen die Geliebten ihr Verhältnis durch Briefe fort und nach zwei, höchstens drei Jahren wird der Tag der Vermählung festgesetzt.“ Hierauf schreitet der Verfasser zur Beschreibung der Art und Weise, wie der Boden bearbeitet wird, und hebt hervor, dass fast die ganze Insel bebaut ist und überall Terrassen angelegt sind. An Stellen der Insel, wo Quellen vorhanden sind, hat man künstliche Brunnen angelegt, die zur Be­wässerung der mit Kohl. Erdäpfeln Zwiebeln, Paradiesäpfeln etc. angebauten Flächen dienen. Auf der Insel bestehen keine grossen Waldungen, es ge­deiht wohl die immergrüne Eiche, welche geeignet wäre, Hochwald zu bilden, allein nach je 5 Jahre werden die Bäume geschlagen, um Brennholz und Weinstecken zu erhalten. Der Oelbaum wächst gut, trägt jedoch wegen des ungeeigneten Bodens wenig Früchte; der Feigenbaum ist sehr häufig. Das Hauptproduct der Insel bildet der Wein, der zumeist weiss und gut ist. Die Zahl der Hausthiere ist gering; auf der ganzen Insel gibt es 120 Ziegen, 250 Schafe und 40 Schweine, ferner zählt die Insel 150 Esel, 3 Maulthiere und 4 Pferde. Eine Hauptein­nahmsquelle bildet der Fischfang; die Insel hat 300 Fischer. Da Giglio eigentlich hafenlos ist, so hat es keine eigenen grossen Schiffe. Der Granit von Giglio ist weit und breit berühmt und geschätzt und als ein guter Baustein wird er insbesondere sehr stark nach Rom exportirt. Der Ruf dieses Steinmateriales ist Jahrhunderte alt; die Kirchen von Santa Croce in Gerusaiemme, San Grisogono in Trastevere in Rom. die 12 Granit-Säulen der Kirche der Gerosolini oder von San Filippo neri in Neapel sind aus dem Granite von Giglio verfertigt. Am Schlüsse dieses höchst interessanten Capitels kommt der Autor auf die schweren Staats- und Communal-Lasten zu sprechen und constatirt, dass man im Allgemeineu über den Druck der Besteuerung sehr klagt. Hieran schliesst sich eine topographische Be­schreibung der beiden Orte Giglio Marino und Giglio Castelo, geschmückt mit schönen Bildern, an. Jedes halbwegs interessante Object wird besprochen und die Kirche sammt ihren Reliquien mit grosser Sorgfalt geschildert. Im dritten Abschnitte gibt Herr Erzherzog Ludwig Salvator eine ein­gehende Darstellung seiner Wanderungen auf dem Felsenboden. Im Vierten beschreibt der Autor die Fahrt um die Insel. Im Fünften wird ein geschichtlicher Abriss gegeben. Der Insel wird zuerst in Julius Caesar „De bello civili“ erwähnt. Am Anfang des 5. Jahr­hunderts hat sich Giglio gegen die Einwanderungen der Gothen vertheidigt. Anfangs des 9. Jahrhunderts wurde die Insel von Karl dem Grossen im Ein­vernehmen mit dem Papst Leo III. dem Kloster Tre Fontane in Rom ge­schenkt. Nach verschiedenen Wechselfäilen kam Giglio unter die Herrschaft der Republik Pisa und dann der von Florenz, schliesslich in die Gewalt des Neffen des Papstes Pius II., eines Piccolomini. Im Jahre 1544 plünderte Haireddin Barbarossa die Insel und nahm alle Einwohner gefangen. Die herrschen-de Familie Piccolomini-Aragon sandte bald darauf 50 Familien auf die Insel. 1558 verkaufte Donna Silvia Picollomini die Insel an Donna Eleonora di Toledo, nach deren Ableben 1562 wurde Giglio in das Herzogthum von Toscana einverleibt. Im Schlussworte spricht der erlauchte Autor sämmtlichen ihn bei der Verfassung dieser Monographie behilflich gewesenen Herren seinen wärmsten Dank aus. Wir müssen neuerdings anerkennen, dass Erzh. Ludwig Salvator in dem vorliegenden von der Buchhandlung prachtvoll ausgestattenen Werke abermals einen Beweis seiner vorzüglichen schriftstellerischen Begabung er­bracht hat.“