Ludwig Salvator

ERZHERZOG LUDWIG SALVATOR Der Prinz des Mittelmeeres

LUDWIG - SALVATOR - GESELLSCHAFT

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Bougie, die Perle Nord-Afrikas

Druck und Verlag:   Heinrich Mercy Sohn , Prag
Erschienen:                 1899

45,5 x 34 cm, 32 Tafeln, 1 doppelblattgroße farblithographierte Karte, 1 Textholzschnitt.

Reich illustrierte und wichtige Monographie über die algerische Mittelmeerstadt Bougie und deren reizvolles landschaftliches Umfeld. Die Tafeln nach Zeichnungen Ludwig Salvators.


BUCHBESPRECHUNG AUS „DER BAUTECHNIKER“ VOM 19.1.1900:

Abermals liegt uns ein prächtig ausgestattetes Werk vor, dessen Ver­fasser auf dem Titelblatte zwar nicht angegeben, dennoch wird derjenige, der sich für die Topogr.aphie der Küstenländer am Mittelmeer interessirt, in dem Verfasser bald den kunstsinnigen Erzherzog Ludwig Salvator erkennen; denn wie bei jedem fachmännischen Autor hat sich bei dem Erz­herzog eine charakteristische Schreibweise im Laufe seines 25jährigen Schriftstellerthums entwickelt. Constatiren wir vor Allem, dass der erlauchte
Verfasser klar und sachlich schildert, dass trotzdem aber die Begeisterung für Natur und Poesie sich in schöner Weise bemerkbar macht. Der vorliegende Prachtband befasst sich mit der eingehenden Be­
schreibung der einzigen von Nordwinden geschützten Stadt des nordafrikani­schen Littorales am Mittelmeere: Bougie. Durch diese geschützte Lage ist die Vegetation der Landschaft von besonderer Ueppigkeit, herrliche Obst­sorten, besonders Orangen und Mandarinen, reifen frühzeitig und erscheinen
als die ersten aut dem Markte von Algier. Durch die Nähe des Meeres und des den Namen afrikanische Schweiz führenden Gebirgslandes ist das Klima in Bougie äusserst angenehm, im Sommer kühl und im Winter milde und warm. Ein schöner sicherer Hafen vermehrt die Annehmlichkeiten der Stadt, welche bereits von den Arabern voll gewürdigt wurde Sie erhoben die Stadt zur Residenz ihrer Sultane, die von Bougie aus die benachbarten Länder und Meere beherrschten. Die Stadt gelangte bald zu grosser Blüthe
und wurde durch ihre hohen Schulen, feinen Sitten und grossen Wohlfahrt sehr berühmt. In einem mit „Historische Winke“ überschriebenen Capitel gibt der Verfasser eine kurzgefasste Geschichte der Stadt von der allerersten Zeit bis auf die Gegenwart. Nach Plinius soll an Stelle des heutigen Bougie 33 Jahre v. Chr. G. unter Antonius eine römische Colonie unter dem Namen Saida gegründet worden sein. Unter Antonius wurde die Hochquellen-Wasserleitung ausgeführt, rasch entwickelte sich die Stadt, deren Einwohner­
zahl 100.000 erreicht haben soll.

Bald aber wurde die reiche Stadt die Beute von Eroberern, Vandalen und Byzantiner besetzen sie wiederholt und 700 n. Chr. eroberte sie Ibn Nacer V’alda. Im Jahre 1067 bemächtigte sich En-Nacer aus dem
Stamme der Sahadja-Hammadoten der Herrschaft; unter ihm wurde Bedjaia – so war jetzt der Name der Stadt – ein hochverehrter Wallfahrtsort der Muselmanen. Um die Stadt mit schönen Bauten zu schmücken, erliess Sultan En-Nacer den Befehl, dass jeder— der das Städtchen passirt— ent­weder einen Baustein mitbringen oder an dessen Stelle einen Betrag baar erlegen muss. Die Stadt, deren Umzingelung stufenweise vom Meere bis zu schwindelnder Höhe emporstieg, wurde mit Quais, 50 Moscheen und
einem wahren Feenpalast, dem Perlenschlosse, mit Schulen, wo Theologie, Mathematik und Jus gelehrt wurden, ausgestattet; allabendlich fuhr der Sultan, umgeben von den Grossen seines Hofes, gefolgt von vielen Musikern, auf einem Boote in die Mitte des Golfes und ergötzte sich da an den Fort­schritten seiner Schöpfung. In Bougie hatten auch die Marabuts ihren Sitz, jene religiöse Secte, deren Wesen und gottgefälliger Lebenswandel auf das muselmanische Volk von so hohem Einflüsse war. Unter diesen Asceten gab es einen, Sidi Touati, der, als En-Nacer von ihm forderte, er möge seine Schöpfung bewundern, in bitteren Worten nur den Ehrgeiz des Sul­tans tadelte und prophezeite. Alles, was En-Nacer geschaffen, werde in Trümmer sinken. Und da der Sultan nicht hören wollte, liess der Weise, nachdem er göttliche Hilfe erfleht, den Herrscher die Zukunft schauen, Sidi Touati legte den Burnus ab und hielt ihn derart vor den Sultan hin, dass Bougie völlig verdeckt wurde. Und durch den Mantel sah En-Nacer zwar eine Stadt, aber das war die seine nicht mehr. Es war ein Trümmerhaufen und alle Herrlichkeit war verschwunden. Die Wirkung dieses Gesichts war, so erzählt die Legende, eine erschütternde. Der ehrgeizige, lebensfrohe Sultan verzichtete zu Gunsten seines Sohnes E 1- M a n s o u r  auf  Thron und Prunk und verschwand eines Nachts spurlos. Vier Jahre lang suchte man nach dem Herrscher. Eine Fischerbarke, die nach der kleinen Djeribia-Insel verschla­gen ward, fand dort einen zum Skelett abgemagerten, nahezu nackten Ein­siedler. Das war En-Nacer, der einst so mächtige Sultan, den selbst ein Pabst, Gregor\ II., seiner Freundschaft gewürdigt hatte. Vergebens kamensein Sohn und die Grossen des Reiches nach der Insel, um den Greis zur Rückkehr zu bewegen. En-Nacer blieb unerschütterlich, nährte sich von Fischen, die, so berichtet die Sage, ihm an den Fingern hängen blieben, wenn er die Hand in’s Meer tauchte, und starb einsam auf seiner Felsen­insel. Wie ungewöhnlich hoch die Cultur unter El-Mansour stand, das be­wies eine Menge von Einrichtungen, die Schaffung von Quellwasser-Leitun­gen, die Aufführung monumentaler Bauwerke, darunter eines Thurmes, auf dessen höchster Plattform ein sinnreicher Apparat mit Spiegeln angebracht
war, der mit anderen ähnlichen, in verschiedenen Richtungen aufgestellten Apparaten in Verbindung stand. Mit deren Hilfe konnte man eine Nach­ richt ungemein rasch von einem Ende des Reiches zum anderen gelangen lassen. Bei Nacht ersetzten verschiedene Fenersignale diese Spiegeltelegraphie des  XL. Jahr-hunderts. 

Auch die Wissenschaft gedieh in Bougie zu hoherBlüthe. Aerzte, Rechtsgelebrte. Geschichtsschreiber, Dichter und Literaten, theils aus Spanien, theils aus dem Orient, trafen dort zusammen. Mit Rechtdurfte ein Gelehrter aus Bougie in Bagdad sich berühmen, seine Vaterstadt aber an Schönheit, Reichthum und Bildung Bagdad, Kairo, alle orientalischen Städte überflügelt und mit stolzer Genugthuung durfte El-Mansour vom hwme Bab-el-Benoub auf all’ diese Pracht und auf die Menge von iveuten hinunterblicken, die durch die Stadthore ein- und ausgingen.

Inzwischen hatten die Spanier ihre Herrschaft auf Afrika ausgedehnt und Bougie erobert. 1555 vertrieb der Pascha von Algier Salah Rais die Spanier und begründete die Türkenherrschaft. Die grausamen blutigen Kämpfe hatten den Wohlstand der Stadt vollständig vernichtet, die Zahl der Einwohner sank stetig und als die Stadt an Frankreich, welches Algier erobert hatte, kam, zählte sie kaum mehr als 2000 Ein-
wohner; die Volkszählung im Jahre 1866 wies 2826 Einwohner auf; inzwischen ist die Zahl bis auf 7441 im Jahre 1896 gestiegen, zu welcher noch 56<5 in der Umgebung hinzukommen, so dass die Gesammtzahl 13.116 be­trug. Seit 1896 dürften noch ungefähr ICOO Einwohner hinzugekommen sein.

An dieses historische Capitel schliessen sich in 32 Abschnitten, die mit schönen Abbildungen nach Federzeichnungen des Erzherzogs geschmückt sind, die Schilderungen der Stadt, einzelner Objecte und der Umgebung. Poetisch schön schildert der Verfassser die in schönem romanischen Style erbaute Kirche, sie ist ein gar merkwürdiges Denkmal der verschiedensten Culte. Die Facade des Gotteshauses trägt das Stadtwappen: einen Halb­mond, einen Kometen und einen Bienenstock. An die Herrschaft der Araber
erinnert der Halbmond, der Komet hinwieder daran, dass während des Kirchenbaues eine solche Himmelserscheinung beobachtet wurde, und der Bienenstock deutet auf die Erzeugung von Wachskerzen hin, die bekanntlich Bougie heissen und von denen auch der Name der Stadt herrühren soll.

Und da es in der Gegend ungemein viel Vierhänder gibt, trägt ein Affe das ganze Stadtwappen. An heiliger Stätte wurde das Kirchlein erbaut. Bei den Grabungen wurden erst die Grundmauern der Moschee Djama Sidi-el-Mahoud und fünf Meter tiefer die Steirquadern eines römischen Tempels gefunden. An derselben Stelle, wo die Mauren Allah anbeteten, ist die katholische Kirche erbaut. Friedlich üben jetzt Christen und Mohamedaner nebeneinander ihren Gottesdienst.

Im 32. Capitel: „Die Mathilde“, schildert der Verfasser auf 8 Seiten in einfachen schlichten Worten den Unfall, den seine Yacht durch den Dampfer ,,Mathilde“ erlitt, welche Schritte er unternehmen musste, um den Schaden durch Sachverständige unter Intervention der Seebehörde festzu­stellen und als der Betrag von 2700 Francs bestimmt wurde, hat der Erz­herzog, um weiteren Scherereien auszuweichen, sich mit Zahlung des Be­trages von 1000 Francs begnügt und verliess dann den Hafen von Bougie, nachdem der Erzherzog durch den Zusammenstoss der „Mathilde“ mit der „Nixe“ für einige Tage am Zeichnen und Schreiben verhindert war. In einer Nachschrift dankt der ritterliche Verfasser, wie es bei ihm üblich ist, All jene, die ihn bei seiner gediegenen Arbeit unterstützten. 

Auch die Jüngste Arbeit des Erzherzogs Ludwig Salvator zeugt von grossem Fleisse, gediegener Sachkenntnis und besonderer Vorliebe für die schöne Mittelländische Küste. Die\ Verlagsbuchhandlung hat das Prachtwerk herr­lich ausgestattet. 

Dr. B.