Ludwig Salvator

ERZHERZOG LUDWIG SALVATOR Der Prinz des Mittelmeeres

LUDWIG - SALVATOR - GESELLSCHAFT

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Anmerkungen über Levkas

Druck und Verlag: Heinrich Mercy Sohn , Prag
Erschienen:            1908

Kl.-Folio, 9 (1 dpblgr.) Tafeln, 61 Seiten.

Wichtige Monografie über die kleine ionische Insel Levkas an der nordwestgriechischen Küste.


VORWORT VON LUDWIG SALVATOR:

„Wenn man an schönen Tagen, namentlich zur Winterszeit, wenn die Atmosphäre klar und durchsichtig ist, von den Höhen der Spianata von Corfu südwärts blickt, gewahrt man eine lang gedehnte Küstenstrecke, welche gleichsam dem Südcanal von Kerkyra als Grenze dient; das ist Levkas.
Die letzte unter den von Venedig eroberten jonischen Inseln kam sie erst im Jahre 1684 in den bleibenden Besitz der Republik. Infolge dessen blieb sie derselben auch fremder und wurde von der Cultur Venedigs weniger beleckt. Sie behielt mehr ihre Eigenthümlichkeiten und wurde weniger als andere Inseln der Sitz venetianischer Familien.

Die häufigen Erdbeben, das rauhere Klima zur Winterszeit infolge der eiskalten, aus dem ambrasischen Golfe mit ungestümer Kraft hinausblasenden Nordostwinde und die Malaria zur Sommerszeit waren auch mächtige Factoren, welche die Ansiedlung hemmten. Obwohl die Insel fruchtbar und quellenreich war, gab es doch grosse Strecken, welche der Cultur kaum zugänglich wurden. Erst in neuerer Zeit verlieh die ausserordentliche Zunahme der Rebencultur der hinschlummernden Insel einen gewissen commerciellen Aufschwung.

Sie blieb immer die am wenigsten betretene und besuchte, mithin auch die weniger studierte, obwohl sie ihrer Festlandsnähe wegen schon in der antiken Zeit der benachbarten Inselwelt gewissermassen als erstes Bollwerk diente und zu wiederholten Malen der Schauplatz blutiger Kämpfe war.
Erst in neuester Zeit, seitdem Wilhelm Dörpfeld in der Welt ausposaunte, dass sie das odysseische Ithaka wäre, wurde die Aufmerksamkeit vieler auf Levkas gelenkt.
Eine ganze Literatur ist in den letzteren Jahren über die Frage Levkas-Ithaka entstanden, mehrere haben Dörpfeld’s Meinung vertheidigt, andere sind bei der alten Ansicht geblieben und haben das bisher als Ithaka anerkannte Thiaki als die Heimat des Odysseus betrachtet.
Ich muss auch gestehen, dass bei all meiner Verehrung für Dörpfeld’s Wissen er mich nicht zu seiner Annahme bekehrt hat.

Aber wenn auch Levkas nicht das jonische Ithaka war, so waren es doch jonische Landschaften, denn aus Ithakas Höhen schweift der Blick mit Wohlgefallen auf das benachbarte Levkas, das man an manchen klaren Tagen so nahe zu haben glaubt, dass es Einem vorkommt, als müsste man es greifen können.
Wie Partsch in seiner letzten Abhandlung über Levkas-Ithaka richtig bemerkte, war der tertius gaudens bei dieser ganzen Frage die Geographie im weitesten Sinne des Wortes.
Nicht geringen Nutzen zog Levkas aus diesem wissenschaftlichen Streit. Vieles wurde studiert und besprochen, was früher an dem fahlen Ufer vergessen lag.

Seine Höhen und Thäler wurden genau bemessen und kartographisch wiedergegeben. Die für Ausgrabungen günstigeren Stellen wurden festgesetzt und in ausgedehntem Masstabe Versuchsgrabungen vorgenommen. Die Insularität der Insel wurde zum Gegenstand besonderer Forschungen und die Nehrung, welche sie mit dem Festlande verbindet, schliesslich als ein späteres Product der aus dem ambrasischen Golfe herausströmenden Nordost-und der die Küste entlang hinaufwehenden Südostwinde betrachtet.

Hauptmann Mardes und Nonne veröffentlichten 1907 die herrlichen, von ihnen auf Befehl der deutschen Regierung aufgenommenen Karten, zu denen noch ein Heft erläuternden Textes hinzugefügt wurde, eine wahre Musterarbeit. Andererseits plant Wilhelm von Dörpfeld nach Vollendung der Grabungen, für welche er neulich von der Regierung Unterstützung erhielt und auch auf Levkas ein Haus geschenkt bekam, ein umfangreiches illustriertes Werk über Levkas zu publicieren. Hunderte und Hunderte von Photographien sind bereits durch eigens hingesandte Photographen von allen schöneren und archäologisch wichtigen Punkten aufgenommen worden. Mit solchen Kräften und unter solchen Auspicien kann nur eine unübertreffliche Arbeit entstehen und es wäre unbescheiden, mit etwas Aehnlichem hervortreten zu wollen.

Alle bisher gemachten Forschungen richteten sich namentlich auf die thunliche Identificierung antiker Localitäten mit den jetzigen, welchen Vermuthungen der Spaten des grabenden Archäologen zu Hilfe kommen soll.

Auf die allgemeinen modernen Verhältnisse beabsichtigt jedoch Dörpfeld, so viel er mir sagte und schrieb, wenig Rücksicht zu nehmen, und so schien es mir nicht ganz überflüssig, in Kürze die Ethnographie und Production des heutigen Levkas zu skizzieren.

Wiederholt ankerte ich bei Levkas, sei es im Hafen der Festung, sei es im Inneren Hafen, sei es in Alexandros, und da ich mit seinen Verhältnissen vertraut bin, mögen die hier zusammengestellten Daten, die ich zumeist den Herren Dr. Aristomeno Spiro Arvaniti, Dr. S. Vlandi, italienischem Vice-Consul, Eugene Somier, französischem Vice-Consul, und namentlich Padre Lino da Leonessa, katholischem Pfarrer in Santa Maura, verdanke, als ein kleiner Beitrag mehr zur besseren Kenntnis dieses schönen Eilandes nicht unwillkommen aufgenommen werden.“

BUCHBESPRECHUNG AUS DEN „MITTHEILUNGEN DER KAISERLICH-KÖNIGLICHEN GEOGRAFISCHEN GESELLSCHAFT“ (1908):

„Zu den bevorzugten Gebieten, welche der durchlauchtige Verfasser mit besonderer Vorliebe eingehend schildert, gehört die Inselwelt des Ionischen Meeres. Wir erinnern an die großen, monumentalen Prachtwerke, welche der Autor in den letzten Jahren über die herrlichen Eilande Ithaka und Zante sowie über die Hafenstadt Parga veröffentlicht hat. Nunmehr geleitet er uns nach der kleinen Insel Levkas, welche „die am wenigsten betretene und besuchte, mithin auch die weniger studierte Insel blieb, obwohl sie ihrer Festlandsnähe wegen schon in der antiken Zeit der benachbarten Insel Inselwelt Inselwelt gewissermaßen als erstes Bollwerk diente und zu wiederholtenmalen der Schauplatz blutiger Kämpfe war“. — Erst in der letzten Zeit wurde die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf diese Insel gelenkt, da von mehreren
Seiten, insbesonders von dem mit den Ausgrabungen betrauten Gelehrten Wilhelm v. Dörpfeld behauptet wurde, daß diese Insel das odysseische Ithaka wäre, während andere dabei beharrten, das bisher als Ithaka anerkannte Thiaki als die Heimat des Odysseus zu betrachten. Auch der durchl. Ver Verfasser ­
fasser Verfasser gehört zu den letzteren und bemerkt, daß der bekannte Geograph Partsch in seiner letzten Abhandlung über Levkas-Ithaka sich ganz treffend dahin geäußert hat, daß bei dieser ganzen Frage als tertius gaudens die Geo Geographie im weitesten Sinne des Wortes zu betrachten sei, da nunmehr die
Höhen und Täler der Insel genau gemessen, kartographische Aufnahmen, kurz dieselbe zum Gegenstände besonderer Forschungen erwählt wurde. Überdies hat Dörpfeld, wie der durchl. Verfasser berichtet, die Absicht, nach Vollendung der Ausgrabungen ein umfangreiches illustriertes Werk über Levkas zu veröffentlichen, dabei aber zumeist auf die Identifizierung ­antiker Lokalitäten mit den jetzigen weit mehr Rücksicht zu nehmen als auf die allgemeinen modernen Verhältnisse der Insel. Der hohe Autor, welcher wiederholt vor Levkas ankerte und mit den lokalen Verhältnissen wohl vertraut ist, betrachtet es daher „als nicht ganz überflüssig, in Kürze die Ethnographie und Produktion des heutigen Levkas zu skizzieren“ und
zur besseren Kenntnis dieses Eilandes beizutragen. So entstand das vorliegende Buch, das der Verfasser in seiner großen Bescheidenheit „Anmerkungen über Levkas“ nennt, obgleich es alle Verhältnisse der Insel eingehend bespricht. Dieselbe ist 287 km“ groß und hat die Gestalt eines Dreieckes, dessen Basis die Westseite bildet, die Nordküste ist glatt, dagegen vielvielgestaltig ­die Ost- und die Südküste, die von zahlreichen kleinen Inseln um umgeben ­sind. Die Insel ist im ganzen bergig; der höchste Berg ist der Stavratos (1141 m); er ist weit sichtbar und beherrscht die ganze Umgebung.

Die Insel hat drei große Ebenen und ist sehr quellenreich. Die Küste der Insel gegen Norden ist hafenlos und bildet ein gewaltiges Bollwerk von fast senkrechten, wildgeformten Felsen. Gegen SW. und SO. bildet die
Insel mehrere natürliche Häfen. Der eigentliche Ankerplatz der Insel ist Alexandros — der alte Golf von Drepano. Hier können selbst größere Schiffe sicher Anker werfen. Am charakteristischsten für die dortige Küste und den Schiffern am meisten bekannt ist das westliche Ende der Insel, das den Leuchtturm krönende Kavos Dukatos; drohend und wie ein Dolch ragt es ins Meer hinaus und bei gewisser Beleuchtung erscheint es aus der Ferne wie ein polierter Stahl und durch einen mächtigen rostroten Fleck an den nördlichen Abstürzen sieht sein Griff wie mit Blut besudelt aus“. 

Die Insel ist sehr häufig von Erbeben heimgesucht. Seit dem Jahre 1610 fanden zwölf größere Beben statt, und zwar das letzte im Jahre 1869. Der Hauptbestandteil des geologischen Aufbaues der Insel besteht aus hartem Kalkstein. Die Kreide kommt erst in zweiter Reihe und sie bildet in der Mehrzahl der Fälle mit Lehm den Grund der Gebirgsschichten. Der Lehm kommt in dritter Reihe in Betracht. Dort, wo der Kalkstein vorherrscht, ist der Boden dürr und nur mit Ölbäumen besetzt, dafür aber sehr geeignet für den Weinstock. Dort, wo die Kreide in Menge auftritt, ist der Boden brüchiger, der Weinstock nur klein, aber der Wein, den er liefert, von der besten Sorte. Nach den beiden letzten Volkszählungen vom Jahre 1889 und
von 1896 hatte die Insel im ersteren Jahre 27.288 und im letzteren 29.892 Bewohner.  Die Stadt allein zählte 5892 Einwohner. In früherer Zeit trat die Malaria auf der Insel sehr heftig auf und forderte viele Opfer. Erst durch die Trockenlegung der ausgedehnten Sümpfe verbesserten sich die klimatischen ­Verhältnisse. Ebenso war früher die Lepra in den Ortschaften des Gebirges dominierend, doch auch diese ist gegenwärtig fast verschwunden. Dagegen kommt die Tuberkulosis am Lande noch häufig vor. Der Religion nach sind die Bewohner Levkas fast durchwegs der griechischen Kirche an angehörig. ­Für Schulen ist in Levkas ganz gut vorgesorgt. Es gibt 58 Lehrer und Lehrerinnen, welche 2600 Schüler unterrichten. In der Stadt befindet sich ein Lyzeum mit vier und eine Mittelschule mit drei Klassen. Die allgemein übliche Sprache ist heutzutage das Neugriechische, während früher das Italienische die offizielle Sprache bildete. Gleichwie die Volkssagen auf Levkas kretensischen Ursprunges sind, scheinen auch die Volkslieder aus Kreta zu stammen. Diese Gesänge sind gewöhnlich heroischen Inhaltes und haben die hundertjährigen Kämpfe mit den Türken zum Gegenstände. Außer Wein, Ol und Obst gedeiht auf Levkas auch die Kartoffel, deren Produktion jedoch kaum den lokalen Bedarf deckt. Die Ölbaumzucht ist der venezianischen Regierung zu danken, welche die Bewohner durch Prämien zur An Anpflanzung ­angeeifert hat. Die Kultur der Traube wird sorgfältig betrieben.

Der Wein ist vortrefflich und selbst im Auslande – namentlich in Genua – sehr geschätzt, wo er seiner intensiven roten Farbe und seiner Dichtheit wegen zum Mischen verwendet wird. Die Jagd auf der Insel ist ziemlich ergiebig: gejagt werden Hasen, Schnepfen, Bekassinen. Wildenten und noch andere Vögel. Der Fischfang wird insbesonders in den Lagunen lebhaft betrieben. ­

Sehr zahlreich sind die Korallenbänke in der Nähe der Insel. In den Jahren 1903 bis 1905 ließ die griechische Regierung ein Dutzend Korallenfischer aus Neapel kommen, teils um die Korallengewinnung intensiver zu
betreiben, teils um die einheimischen Matrosen in der Korallenlischerei zu unterrichten. Die Salinen der Insel wurden im Jahre 1878. als das Salzmonopol ­in Griechenland eingeführt wurde, von der Regierung eingezogen, welche den acht Gemeinden auf Levkas hiefür eine Entschädigung von 18000 Drachmen gewährte. Der Handel ist auf Levkas ziemlich rege. Als fehlende Artikel bezeichnet der hohe Autor Zerealien, Mehl, Hülsenfrüchte, Schlachtvieh, Brennholz, Kolonialwaren usw. Die Insel wird von guten Straßen durchzogen und besitzt auch einen geregelten Hafenverkehr, der zu zumeist ­durch den österreichischen Lloyd und durch die italienische Gesellschaft „Puglia“ besorgt wird.

Wir sind dem durchlauchtigsten Verfasser sehr dankbar, daß er uns über diese „weniger studierte“ Insel des Ionischen Archipels so eingehend unterrichtet hat. Fehlen dem vorliegenden Buche auch jene poesievollen
Schilderungen der Landschaft, durch welche sich die eingangs erwähnten Werke des hohen Autors auszeichnen, so darf nicht übersehen werden, daß es sich im vorliegenden Falle nicht um eine eingehende Beschreibung, sondern bloß um „Anmerkungen“ handelt. Dem Buche sind neun treffliche Abbildungen beigegeben, welche insgesamt vom Verfasser mit der Feder nach der Natur gezeichnet und von J. Simane in Prag zinkographiert wurden.“

E. Gallina.