Ludwig Salvator

ERZHERZOG LUDWIG SALVATOR Der Prinz des Mittelmeeres

LUDWIG - SALVATOR - GESELLSCHAFT

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ÜBERBLICK

Antonio Vives: Eine Biographie

Er war der Ahnvater moderner Aussteiger, Reisender, Seemann, Wissenschaftler, Künstler, Quer- und Vordenker, Visionär, Pazifist, Traditionalist, Naturschützer, Schriftsteller, Liebender und einer der interessantesten und unkonventionellsten Sprosse des Hauses Habsburg: Erzherzog Ludwig Salvator alias „Luigi“.

Deutliche, wiewohl diplomatisch verbrämte Missbilligung sprach aus dem Telegramm des Grafen Crenneville, das am 8. November 1900, nach dem Einlaufen der Dampfsegeljacht Nixe in den Hafen von Korfu, den Grafen Gotuchowski in Wien erreichte: „Seine K.u.K. Hoheit bewahrte während seines Aufenthaltes in Corfu das strengste Incognito, welches auch von den Lokalbehörden respectirt wurde und beehrte nur meine Frau mit Höchstseinem Besuche. Nicht unterlassen kann ich zu berichten, dass die aus zwei Damen, einem jungen Mädchen und einer jugendlichen Persönlichkeit, deren Geschlecht trotz männlicher Kleidung zu Tage tretenden weiblichen Formen und wallendem Haupthaare nicht gut definirbar erschien, bestehende Reisegesellschaft Sr. K.u.K. Hoheit bei ihren Spaziergängen in der Stadt nicht unbedeutendes Aufsehen erregte.“ Kaiser Franz Joseph hatte es zu diesen Zeitpunkt bereits aufgegeben, sich das schüttere Haar über den ganz und gar unhabsburgischen Lebenswandel seines Cousins „Luigi“ zu raufen.

Sehnsucht nach dem Meer
Ludwig Salvator wurde am 4. August 1847 als Sohn des regierenden Großherzogs der Toskana, Leopold II., und seiner Gemahlin Maria Antonietta von Sizilien geboren. Als Spross des toskanischen Zweiges des Hauses Habsburg-Lothringen genoss er eine ungewöhnlich liberale Erziehung. Gefragt waren Bescheidenheit, Fleiß und Geist, kurzum Tugenden, die sein weiteres Leben entscheidend prägen sollten. Statt mit höfischer Etikette beschäftigte sich der junge Erzherzog lieber mit dem Studium der Natur, von allerlei Sprachen und seinem Schimpansen „Gorilla“. Als die Familie 1859 aufgrund der revolutionären Entwicklung Florenz verlassen musste und sich auf Schloss Brandeis bei Prag niederließ, sah es zunächst so aus, als ob der bildungshungrige Ludwig auf höhere politische Weihen vorbereitet werden sollte. Doch bald erkannte der aufgeweckte junge Mann, dass er nicht zu einer Beamtenlaufbahn oder Militärkarriere berufen war. Zahlreiche Reisen in seiner Jugend hatten in ihm die Sehnsucht nach dem Meer und südlichen Gestaden erweckt. Also „beurlaubte“ ihn der Kaiser, und 1867 begab sich Salvator erstmals unter dem Pseudonym „Ludwig Graf Neudorf“ zwecks Vornahme naturwissenschaftlicher Studien auf die Reise zu den Balearischen Inseln. Die wilde Schönheit der Hauptinsel Mallorca und die Liebenswürdigkeit ihrer Bewohner beeindruckten ihn so sehr, dass er drei Jahre später dieses Eiland zu seiner Wahlheimat erkor. Als stolzer Besitzer des „Kapitänspatentes der langen Fahrt“ erwarb er die 51 Meter lange Nixe, die – wie er selbst befand – fürderhin sein eigentliches Zuhause war. „Der Wandertrieb ist dem Menschen angeboren. Nur die so genannte Zivilisation, die vielen Pflichten, die sich der Mensch auferlegt, brachten ihn zum sesshaften Leben und auf keine Weise kann man diesem natürlichen Instinkt so nachgehen, wie mit Hilfe der Jacht. Man kann die eigene Arbeit, sei sie literarischer, sei sie künstlerischer, sei sie wissenschaftlicher Art, an Bord haben, mit allen hiezu erforderlichen Hilfsmitteln sich derselben tätigst widmen und dabei doch von Zeit zu Zeit das Auge mit neuen Bildern ergötzen, ich möchte sagen zugleich auch den Geist damit erfrischen. Durch neue Spaziergänge, durch neue Ausfahrten wird ein Mittel zum Ausruhen während der Arbeit geschaffen, was man bei einem festen Wohnsitz vergeblich suchen würde.“

Auf Entdeckungsfahrt
Mit der geliebten Nixe bereiste der Erzherzog jahrzehntelang das Mittelmeer, meist in Begleitung einer Entourage von etwa 20 Personen, weiters Hunden, Katzen, Vögeln, Affen und allerlei anderem Getier, sodass Zeitgenossen das Schiff als „Arche Noah“ bezeichneten. Verständlicherweise erregte die bunt zusammengewürfelte Reisegesellschaft des Erzherzog in den Häfen stets großes Aufsehen. Neben der Schiff-Fahrt galt sein besonderes Interesse der wissenschaftlichen Erforschung unbeachteter Inseln und Küstenstriche. Zu diesem Zweck hatte er eigens einen etwa 100 Seiten umfassenden Fragebogen mit der Bezeichnung „Tabulae Ludovicinae“ entworfen, den er bei der Ankunft im jeweiligen Zielgebiet gebildeten ortsansässigen Personen, etwa dem Bürgermeister, Arzt, Lehrer, Richter und Pfarrer, übergab, mit der Bitte, möglichst viele und genaue Daten über ihre Arbeits- und Wissensgebiete zu sammeln, die er danach gemeinsam mit seinen Mitarbeitern auswertete. Ludwig Salvator begab sich in Begleitung seines mallorquinischen Sekretärs Don Antoni Vives und ortskundiger Führer oft auf ausgedehnte Wanderungen, wobei er die Landschaft, Flora, Fauna, Bevölkerung und Kultur seiner Aufenthaltsorte in allen Details beschrieb. Mit dabei hatte er stets ein kleines Tuschefässchen in der Form eines Globus, Feder und Papier. Auf diese Art entstand eine Fülle von meisterhaften Zeichnungen, die seine Beschreibungen ergänzten. Aus all diesen Daten stellte Ludwig Salvator umfangreichen Manuskripte zusammen, die er auf eigene Kosten beim Prager Verleger Mercy in Form aufwendigst gestalteter Bücher drucken ließ. Meist nur in einer Auflage von 500 Stück gefertigt, verschenkte der Erzherzog diese bibliophilen Raritäten dann an Freunde, Mitarbeiter und sonstige an seiner Arbeit interessierte Personen und Institutionen. Durch den bekannten Berliner Reiseverleger Leo Woerl gelangten einige seiner Arbeiten auch in den Buchhandel. Salvators wissenschaftlichen Werke fanden rasch internationale Anerkennung,
er wurde mit Diplomen und Ehrenmitgliedschaften diverser Akademien und Institutionen förmlich überhäuft.

Seinem engen Freund Jules Verne diente er als Vorlage für den Helden des Romans „Matthias Sandorf“. Dem „größten Chronisten des Mittelmeeres“ war es ein großes Anliegen, das Interesse der Öffentlichkeit für Landschaften zu wecken, die, wie er fand, zu Unrecht wenig bekannt waren und kaum bereist wurden. Seine Aufmerksamkeit galt weniger den klassischen Kulturzentren, sondern kleinen, unentdeckten Regionen, etwa den Inseln Paxos und Antipaxos, Ithaka, Levkas und Zante (Zakynthos) im Ionischen Meer sowie den Liparischen Inseln im Norden Siziliens, den kleinen Inseln Giglio, Ustica und Alboran und insbesondere den damals, man kann’s sich heute kaum noch vorstellen, weitgehend unbekannten balearischen Inseln Mallorca, Menorca, Eivissa (Ibiza) und Formentera. Bereits im Jahr 1869 erschien der erste, Kaiser Franz Joseph gewidmete Band seines aus sieben Einzel- und zwei Doppelbänden bestehenden, etwa 6000 Seiten umfassenden
Monumentalwerkes „Die Balearen. In Wort und Bild geschildert“, für das er auf der Pariser Weltausstellung 1878 die Goldmedaille erhielt. Vom winzigsten Käfer und von sonstigem Getier, allen Pflanzenarten über Meteorologie, Geschichte, Volkskunde, Architektur, Landschaftsbeschreibungen bis hin zur detailreichen Beschreibung der Bevölkerung, ihrer Gebräuche, Lieder, Gedichte ist in dieser berühmten und bis zum heutigen Tag in ihrer Vielfalt unerreichten Monographie nahezu alles dargestellt.

Friedliche Völkerverständigung
Doch nicht nur das Mittelmeer faszinierte den reiselustigen Erzherzog. Besonders angetan hatte es ihm der Fortschritt der Technik, der in den großen Weltausstellungen der damaligen Zeit dargestellt wurde. Im Jahr 1881 entschloss er sich, die Weltausstellung in Melbourne, Australien, zu besuchen. Den überzeugten Pazifisten begeisterte die seiner Ansicht nach friedensfördernde Wirkung solcher Großereignisse. In seinem 1911 – also drei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges – erschienenen Büchlein „Einiges über Weltausstellungen“ schrieb er: „Wie viele Vorgefasste Meinungen, wie viele Vorurteile werden beim Kennen
eines anderen Volkes, beim Leben in seinem Lande abgestreift. Ich behaupte, dass wenn sich die einzelnen Völker besser kennten, sie sich auch nicht anfeinden würden.“ Auch brachte er visionäre Gedanken für die Gestaltung der Weltausstellungsplätze ein, wie etwa die Forderung nach einer behindertengerechten Infrastruktur („Rollstuhleignung“).
Eine besondere Seelenverwandtschaft verband den königlichen Vagabunden mit Kaiserin Elisabeth („Sisi“), die den hochgebildeten und skurrilen Erzherzog sehr schätzte. Sie besuchte ihn zweimal mit ihrer Jacht Miramar auf Mallorca. Besonderes Getuschel am Wiener Hof erregte ihre Abwesenheit am Heiligen Abend des Jahres 1892, ihrem 55. Geburtstag, den sie statt mit ihrem asketischen Mann mit ihrem wohlbeleibten Cousin verbrachte. „Ich hoffe, dass der dicke Luigi für Dein Wohlergehen sorgt“, telegraphierte der besorgte Kaisergemahl leicht indigniert.

Der Erzherzog hatte sich auf Mallorca ein regelrechtes Paradies geschaffen und im Laufe von 30 Jahren sukzessive einen ganzen Küstenstrich, 16 Kilometer lang und bis zu 10 Kilometer tief, zwischen den Orten Valldemossa und Deià erworben. Auf diesem großzügigen Gelände durfte kein einziger Baum gefällt, kein Haus errichtet werden, und alle Tiere, die nicht zu Nahrungszwecken gehalten wurden, konnten hier bis zu ihrem natürlichen Tode ein ungestörtes Leben genießen. Für die Touristen jener Tage, die diesen einzigartigen Küstenstrich erleben wollten, ließ Ludwig Salvator eigens die Hospederia „Ca Madó Pilla“ einrichten, ein Gästehaus, in dem Reisende drei Tage gratis Logis erhielten. Lediglich der „Mundproviant“ war mitzubringen. Weiters legte er ein rund 12 Kilometer langes Wegenetz bis in die Berge der Sierra del Teix an, das sich noch heute einfühlsam in die Landschaft schmiegt. An den schönsten Aussichtspunkten ließ er so genannte Miradores errichten, kleine Mäuerchen mit Sitzbänken, von denen aus man die Schönheit der Küste und den Sonnenuntergang bewundern konnte.

Kleider machen keine Leute.
Auf Mallorca ranken sich unzählige Legenden und Histörchen um den noch in heutiger Zeit hochverehrten „Archiduque“, den ungekrönten König der Balearen. Ludwig Salvators besonderes Markenzeichen war seine äußerst nachlässige Kleidung. Er bewegte sich lieber in der Gesellschaft einfacher Menschen, „von denen man oft mehr lernen könne, als von so manchem Gelehrten“, und legte auf sein Äußeres keinen besonderen Wert. Er trug abgewetzte Anzüge oder einfachste Gewänder, hatte die Manschetten mit Spagat zusammengebunden und wurde gelegentlich, zu seiner eigenen Belustigung, für einen Schweinehirten, Matrosen, Koch oder Landarbeiter gehalten. Einmal erhielt er von einem mallorquinischen Bauern, dem er half, einen festgefahrenen Karren aus dem Morast zu ziehen, ein Trinkgeld spendiert. „Mein erstes selbstverdientes Geld“, wie er später voller Stolz erzählte. Am Wiener Hof galt er als gelehrter Sonderling und verkappter Kommunist, und man amüsierte sich sehr über seine einzige Uniform, die mit den Jahren aus allen Nähten platzte. Auf das Gespött ob seines Knitter-Looks meinte der Erzherzog jedoch gelassen: „Lieber vielfältig als einfältig!“
Viele Geschichten beschäftigen sich auch mit dem ungewöhnlichen Liebesleben des Erzherzogs, der, niemals verheiratet, den Reizen beider Geschlechter und insbesondere der Schönheit der Mallorquinerinnen rettungslos erlegen war. Einen besonderen Stellenwert in diesem amourösen Kaleidoskop nimmt die Tischlerstochter Catalina Homar ein, die unter den Fittichen ihres Mentors eine exzellente Ausbildung genoss, mehrere Sprachen erlernte und zur Verwalterin seiner Weingüter avancierte. Zentrum ihres Lebens war das von Ludwig Salvator nach einem Vorbild auf den Liparischen Inseln selbstgeplante kleine Landhaus S’Estaca. Auf den angrenzenden Ländereien reiften unter anderem auch Malvasier-Trauben, für deren Weine der Erzherzog und seine Winzerin eine Vielzahl von Preisen bei internationalen Ausstellungen, sogar in Amerika, einheimsten. Heute wird das Haus von Hollywood-Star Michael Douglas bewohnt, der ein großer Fan des „Archidux“ ist und jüngst in Valldemossa das interessante Infozentrum „Costa Nord“ initiiert hat. Mit dem Weinbau hat er allerdings kein Glück, wie man hört. Wahrscheinlich fehlte ihm die entsprechende Winzerin.

Als im Jahr 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, neigte sich ein langes, intensiv genossenes und schaffensreiches Leben voller Unangepasstheit, Freiheit und Liebe dem Ende zu. Auf allerhöchsten kaiserlichen Befehl musste Ludwig Salvator auf das Schloss Brandeis bei Prag zurückkehren. Während der Krieg tobte und unfassbares Leid und Greuel über die involvierten Völker brachte, gab der bereits sterbenskranke Erzherzog, wie aus stillem Protest, sein letztes, anrührendes Werk „Zärtlichkeitsausdrücke und Koseworte in der friulanischen Sprache“ heraus („Magari un pagnut in dìe vuarê-si ben, benedete!“ – „Ein Stück Brot täglich ist auch genug, wenn man nur einander liebt, mein Schatz!“).

Am 12. Oktober 1915 starb Ludwig Salvator in Brandeis. Anstatt auf seinem über alles geliebten Landgut Miramar, „wo die Sonne mit ihrem goldenen Licht seinen Grabhügel überflutet“ hätte, ruht der „Diogenes aus fürstlichem Geschlecht“, wie der spanische Dichter Unamuno ihn einmal genannt hatte, nun eingemauert in einer Nische der Kapuzinergruft in Wien.

(Wiedergabe eines von Dr. Wolfgang Löhnert für das öst. Reisemagazin verfassten Artikels)

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